111 Jahre Glas - Jubiläumsausgabe

Geschichte Werkstoff Ausgießen der Fugen bei einem Glas-Eisen-Betonfeld. Anfang der 1970er-Jahre begann man die geklebten Isoliergläser zweistufig auf Butyl- und Polysulfidbasis zu verschließen. Diese Abdichtungsart ist auch heute noch Standard. Ein Kantenschutz wird nicht mehr angebracht. Eingeschlossene Blasen in der darunterliegenden Dichtung brachten aufgrund des Dampfdrucks und der Ansammlung von Chemikalien mehr Schaden als Nutzen. Die Glaskanten sind heute frei. Heute gibt es nur mehr geklebtes Isolierglas, das fast ausschließlich vom Zuschnitt bis zur Verpackung eine vollautomatische Produktionslinie durchläuft. Durch die Möglichkeit, verschiedenartige Scheiben in einem Isolierglaselement zu kombinieren, ist dieses Glasprodukt heute vielseitig und den Bedürfnissen angepasst sehr gezielt einsetzbar. GlAs Als KonstruKtives element. Die Vision einer Fassade ganz aus Glas hatte bereits im Jahr 1900 der damalige Genossenschaftsvorsteher Carl Glößl. Mit den schon vor der Jahrhundertwende erfunden geblasenen Glasbausteinen des Schweizer Architekten Gustave Falconnier konnte man bereits lichtdurchflutete Wände und gewölbte Decken mit guter Wärmedämmung konstruieren. 1937 präsentierte Saint-Gobain eine Ganzglasfassade auf der Pariser Weltausstellung. Auch Heizkörper und Stufen aus Glas gab es schon zu sehen. In den 1930er-Jahren wurden mit massiven Glassteinen sehr viele begehbare und mit Kraftfahrzeugen befahrbare Betonfelder gegossen. Dazu gab es bereits sehr genaue statische Berechnungen. Mitte der 1950er-Jahre suchte man nach Lösungen, wie man große Flächen einfach und mit möglichst wenig Rahmenmaterial und hoher Stabili- tät verglasen kann. Die Moosbrunner Glasfabrik brachte das „Allprofil”- Konstruktionsglas auf den Markt. Aus den geplanten Formen behaupteten sich aber nur die U-förmigen Glasbahnen mit der Bezeichnung „Profilit”. Die Westhalle auf der Wiener Messe war ein spektakuläres Pilotprojekt. Es wurden im Laufe der Zeit auch viele neue Typen erzeugt, die sich an den neuen Funktionen der Flachgläser orientierten. Auch mehrere Varianten im Innenausbau bewarb man heftig. Diese Verglasungsart gibt es auch heute noch, der erhoffte durchschlagende Erfolg blieb jedoch aus. In den 1980er-Jahren kam nach dem amerikanischen Vorbild eine neue Fassadenart auf den Markt: „Structural Glazing”. Die Glaselemente wurden auf die Unterkonstruktion geklebt, damit entstand eine rahmenlose Fassadenhaut. Sehr bald setzte sich eine weitere Befestigungsmöglichkeit durch: die Punkthalterung, die heute einen bedeutenden Teil der modernen Verglasungstechnik ausmacht. In den 1990er-Jahren fand die neue Glasverklebungstechnik mit einem unter UV-Licht aushärtenden Kleber eine Fülle neuer Möglichkeiten. Der Glasmöbelbau erlebte damit einen kräftigen Aufschwung. Der „konstruktive Glasbau” ist eine Schöpfung der neuen Zeit. Galt es in der Vergangenheit als festgeschrieben, dass Glas keine tragende Funktion übernehmen dürfe, so hat sich das mit den Möglichkeiten der jüngeren Zeit gründlich geändert. Alle Umgebungseinflüsse auf das Glas lassen sich heute technisch berechnen und prüfen, sodass es nun möglich ist, Glas als tragenden Bauteil einzusetzen. Mit viel Einfallsreichtum wird heute viel Glas in den modernen Bau einbezogen, wo es zielsicher bestimmte Funktionen erfüllt und bei hoher Qualität einem zeitgemäßen Design entspricht. Saint-Gobain-Fassade im Jahr 1937. Autorin Elfriede Zahlner, 1946 in Wien geboren, legte im elterlichen Betrieb die Gesellen- und dann die Meisterprüfung ab. Danach verließ sie das Elternhaus, um nicht mehr auf dem Bau arbeiten zu müssen. Nach Bürojobs bei einer Versicherung und in einer Wiener Glashandelsgesellschaft gab es eine längere berufliche Pause wegen der Geburt ihrer beiden Kinder. 1975 begann Elfriede Zahlner in der Filiale der Firma E. Fritsch in Wien-Hietzing wieder zu arbeiten. Durch einen Lehrling bekam sie Kontakt zur Berufsschule Mollardgasse, wo sie dann 1980 als Lehrerin begann und 2001 nach dem Verzicht auf Pragmatisierung und nach stolzen 21 Dienstjahren in Pension ging. Ohne Glas geht’s aber nicht! Elfriede Zahlner gräbt gern und oft in alten Büchern und Dokumenten der Glaserschaft, unterstützt das Bezirksmuseum Mariahilf und hilft beim Aufbau eines Glaserei-Handwerksmuseums im Freilichtmuseum Gerersdorf bei Güssing im Burgenland. Und „ganz nebenbei” schreibt sie. Vor kurzem erschien ihr wirklich lesenswertes Buch „100 Jahre Mollardschule und die Glaser in Wien” mit unzähligen liebevoll gesammelten Berichten, Erzählungen, Erinnerungen und vielen Fotos. 111 Jahre | 1900 – 2011 39

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